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Regionales

15:00 Uhr | 18.09.2018

Stadtmensch erhält Förderung von 600.000 Euro

Das Altenburger Netzwerk gehört zu vier bundesweit geförderten Projekten des Programms „Stadt gemeinsam gestalten. Neue Modelle der Quartiersentwicklung.“

 

Die Überraschung war bereits im August groß, als die Akteure des STADTMENSCH-Festivals die Nachricht erhielten, dass sie es mit ihrem Antrag für eine Quartiersförderung in Altenburg bis in den Endausscheit eines umfassenden Förderprogramms des Bundesministeriums des Inneren, für Bau und Heimat geschafft hatten. Anschließend kamen die Fachleute aus Bonn und Berlin nach Altenburg, um die Inhalte und Ideen der Altenburger Akteure und ihres Antrages vor Ort zu prüfen. „Wir haben in diesen fünf Stunden wirklich alles nach vorne geworfen“, so Susann Seifert von der Farbküche als einem der Antragsteller. Doch dass man sich nun unter über Hundert Bewerbungen, die aus allen Bundesländern in Berlin eingegangen sind, bis die Gruppe der vier zur Förderung vorgesehenen Projekte gekämpft hat, war nicht abzusehen. „Im Finale sind immer alle gut, es geht um Nuancen, unterschiedliche Gewichtungen. Als der Anruf aus Berlin kam, konnte ich es eigentlich kaum fassen“, so Seifert weiter.

 

Der offizielle Förderbescheid steht zwar noch aus. Doch auf dem 12. Bundeskongress Nationale Stadtentwicklungspolitik in diesen Tagen in Frankfurt am Main hat das Bundesministerium bereits öffentlich Nägel mit Köpfen gemacht. Der parlamentarische Staatssekretär Marco Wanderwitz hat dazu am Dienstag die Vertreter der vier geförderten Quartiersinitiativen auf das Podium in der Frankfurter Paulskirche gebeten. Hier hat er die geförderten Projekte offiziell verkündet. Für die Altenburger Initiative waren Susann Seifert (Farbküche), Valentin Rühlmann (Jugendforum), Anja Fehre und Christian Horn (beide Schloss- und Kulturbetrieb) dabei.

 

Die Idee, Stadtraum nicht nur baulich neu zu gestalten, sondern vor allem durch von Bürgerinnen und Bürgern erdachte und realisierte Maßnahmen neu erfahrbar zu machen, hat in Altenburg ihren Anfang mit dem STADTMENSCH-Festival genommen. Ein Tanz mit rund 200 Menschen im Schlosspark, ein Fahrradkino durch die Stadt, ein von Kindern betriebener Friseursalon in Zusammenarbeit mit dem Erich-Kästner-Förderzentrum sind vielen in Erinnerung. Projekte wie die Porträtserie Altenburger Ehrenamtler oder die Neugestaltung der Bahnhofsunterführung sind bis heute weiterhin sichtbar. Ins Leben gerufen wurde die Initiative bereits Anfang letzten Jahres durch einen gemeinschaftlichen Aufruf des Paul-Gustavus-Hauses und den Schloss- und Kulturbetrieb.

 

Heute ruhen die Impulse der Initiative auf einer Gruppe von rund einem Dutzend Akteuren, die sich monatlich treffen. „Das Netzwerk ist indes um ein Vielfaches größer, unsere anfängliche Hoffnung, mit dem Festival auch nachhaltig zu wirken, erfüllt sich“, so Marko Heinke vom Paul-Gustavus-Haus.

 

Dieses Pfund nutzte die Initiative auch beim Besuch der Gutachter aus Berlin. Der Finanz- und Projektablaufplan wurde durch die geübten Projektförderer von W³ Wandel-Werte-Wege, Andrea Wagner, Frank Spieth und Michael Apel, vorgestellt. Oberbürgermeister André Neumann steuerte einen Letter of Intent bei. Er unterstrich in einem Gespräch mit den Experten aus Berlin die konstruktive Bedeutung, die das Projekt für Altenburg haben kann. Die neue City-Managerin Katharina Schenk erläuterte Synergie-Effekte zu ihren Vorhaben. Frank Böhning der Evangelischen Lukas-Stiftung Altenburg und Pfarrer Sandro Vogler der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde erklärten, dass die Initiative auch für ihre Einrichtungen Kooperationen verspricht.

 

Vorgesehen sind nun die Entwicklung und der Ausbau von vier Quartiersankern in der Altenburger Innenstadt. Im Zentrum aller Maßnahmen steht dabei, Stadtraum gemeinschaftlich neu erlebbar zu machen und mit temporären Interventionen oder dauerhaft neu zu gestalten. Über diese Prozesse soll in einem Arbeitslabor, dem sogenannten OpenLab, informiert werden, vor allem aber mit Bürgerinnen und Bürger gemeinsam kreativ nachgedacht und partizipativ gearbeitet werden. Die Farbküche plant im Reichenbachschen Palais Arbeitsräume zur Realisierung konkreter Projekte einzurichten und Fortbildungsangebote anzubieten. Das Paul-Gustavus-Haus wird als bereits bestehender Veranstaltungsort der Kultur-Szene Gelder zur weiteren baulichen Ertüchtigung erhalten. Den vierten Quartiersanker wird eine Geschichtswerkstatt auf dem Schlossberg bilden. Hier werden Bürgerinnen und Bürger aktiv in die Erarbeitung und Ausgestaltung dortiger Ausstellungsprojekte einbezogen und Projekte zur Erforschung der Regionalgeschichte unter professioneller Anleitung realisiert.

 

Um all dies zu koordinieren, ist in der Förderung auch eine Personalstelle auf drei Jahre inbegriffen. Rund ein Drittel der Fördersumme wird für Projektanträge zur Verfügung stehen. Verbleibende Mittel sind für bauliche Maßnahmen in den Gebäuden der vier Quartiersanker, die Ausstattung der Arbeitsräume und für Qualifizierungen vorgesehen. Das Projekt ist auf drei Jahre angesetzt. Die Gesamtfördersumme beläuft sich auf rund 600.000 Euro.

 

Auf dem Weg zur weiteren Ausarbeitung des Maßnahmenplanes erhalten die Altenburger Akteure nun ein Coaching durch ein Berliner Projektbüro .

 

Die Chance einer solchen Fördersumme bedeutet auch eine große Herausforderung. „Es gilt, unsere Stärke der Akteursvielfalt zu bewahren“, so Schloss- und Kulturdirektor Christian Horn, „und diese zugleich in eine dezentrale, handlungsstarke und kreative Organisationsstruktur zu fassen.“

 

Um kontinuierlich zu informieren, baut das STADTMENSCH-Netzwerk jetzt seine Internetseite weiter aus. Ansprechpartner und Kontaktdaten sind dort genannt, eine Presseschau gibt Einblick in die bisherigen Projekte. Überholt ist, dass man ausschließlich ein Festival sei. Stattdessen wurde die Rubrik „Quartiersentwicklung Stadtmensch“ ergänzt.

 

Titel des Förderantrages beim Bundesministerium des Inneren war übrigens „STADTMENSCHEN in blauer Flut und reichen Bächen“. Angespielt ist damit auch auf die Geschichte des Herzogtums, sein „blaues Blut“, und auf die Rolle des Großbürgertums, das unter anderem im Reichenbachschen Palais mit Salons die Geschicke der Region mitlenkte. Politischer Dialog und gesellschaftliche Impulse sind heute nicht mehr auf exklusive gesellschaftliche Kreise reduziert. Sie werden vielmehr durch viele Menschen getragen, wozu auch die digitalen Medien beigetragen haben. Der Quartiersantrag spielt auf diese historischen Prozesse und die heute neue Ausgangsposition an.

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