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Regionales

08:49 Uhr | 09.06.2017

Offener Brief an Bernhard Stengele

Lieber Bernhard Stengele,

nun ist es so weit. Am 13. Juni treten Sie das letzte Mal als Schauspieldirektor der Theater und Philharmonie Thüringen GmbH in Altenburg auf. Sie treten als ein Schauspieldirektor auf, der unser Theater und im Besonderen das Schauspiel nicht nur geprägt, sondern grundlegend verändert hat.

Wie sagte unser Intendant Kay Kuntze als er Sie 2012 nach Altenburg und Gera holte: "Bernhard Stengele ist ein ausgewiesener Ensembleleiter, der engagiert die Region, in der er wirkt, ins Zentrum seines Wirkens stellt, aber immer auch den 'Blick nach draußen' sucht". Wie recht Herr Kuntze damit haben sollte, konnten wir die letzten Jahre hautnah miterleben.

Das Schauspiel ist aktuell derart gestärkt und im Bewusstsein der Bevölkerung angekommen, dass kein Entscheidungsträger diese Sparte infrage stellen würde. Und das ist ganz konkret Ihr Verdienst. Die internationale Aufstellung, die Themenauswahl und die Einbeziehung von Altenburg und Altenburgern zeugen von einem durchweg richtigen Konzept für unser Schauspielensemble.

Für mich stechen in den letzten 5 Jahren drei Momente ganz besonders hervor. Drei Momente, die mein Leben auf eine Weise bereichert haben, wie ich es vorher durch eine Theateraufführung nicht kannte.

Mit der Premiere von „Die im Dunkeln“, zu der auch zwei Zeitzeugen dieser wahren Geschichte über eine Altenburger antikommunistische Widerstandsgruppe in den 50er Jahren anwesend waren, machten Sie den Besuchern das Leben ziemlich schwer. Aber die Emotionen zu dieser Premiere waren stärker als es das Publikum war. Das Ringen um Fassung war im ganzen Haus zu spüren. Dass Sie uns dreieinhalb Jahre später emotional noch viel intensiver herausfordern werden, erschien mir zu diesem Zeitpunkt nahezu unmöglich.

Dann begeisterte mich, das wird Sie eventuell überraschen, Ihr Balladen-Abend „Sie haben nämlich Entenfüße“ derart, dass ich mir das ganze vier Mal angeschaut habe. Es war mir eine große Freude, die deutschen Dichter und Denker mit Ihrem Elan und dieser Sprachgewalt erleben zu dürfen. Für mich ein neuer Zugang zur deutschen Literatur. Richtig gut gemacht!

Tja, und dann kam „Cohn Bucky Levy - Der Verlust“. Ein Gemeinschaftsprojekt von Christian Repkewitz, Svea Haugwitz, Mike Langer und Ihnen. Meine Eindrücke zu dieser Theateraufführung in Worte zu fassen gelingt mir immer noch nicht richtig. Tief ergriffen erlebte ich Altenburger Geschichte und eine schauspielerische Darstellung, die kaum bewegender und authentischer hätten sein können. Sie veranschaulichten dieses dunkle Kapitel Altenburgs, die Vertreibung und Ermordung hier lebender jüdischer Bürger in einer Weise, wie es beeindruckender hätte nicht sein können. Und Sie haben es abermals, dreieinhalb Jahre nach „Die im Dunkeln“ geschafft, dass ein komplettes Publikum um Fassung ringt.

Zutiefst bedauert habe ich die Entwicklung im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise. Hier wurde versucht, die Realität in unserer Stadt zu beschönigen und Sie für die Außenwirkung Altenburgs, als fremdenfeindliche Stadt verantwortlich zu machen. Sie können sich gewiss sein, dass ich zu jeder Stunde hinter Ihnen stand und alles in meinem Bereich des Möglichen versuchte, Sie zu schützen. Allein, es gelang mir nicht. Aber lassen Sie es uns sportlich sehen. Hat man nicht alles richtig gemacht, wenn die Gegner einer weltoffenen Gesellschaft zum Theaterboykott aufrufen?

Wie gesagt, am 13. Juni ist es nun soweit. Und wo könnte Ihr letzter Auftritt besser passen, als in einem Stück Ihres Nachfolgers Herrn Manuel Kressin, der mit „Barbarossa ausgeKYFFt“ eindrucksvoll bewiesen hat, wie unser Theater auf künstlerische Weise dem nachkommt, was Theater sein soll. Theater soll kulturell sein, Theater soll künstlerisch sein, Theater soll bildend sein, Theater soll philosophisch sein, Theater soll unterhaltend sein und Theater soll gesellschaftskritisch sein! Für alles das stehen Sie und Herr Kressin in meinen Augen.

Manchmal bringt die Geschichte genau die richtigen Menschen zur richtigen Zeit an die richtigen Orte. Die letzten 5 Jahre ist genau das passiert und für Altenburg war das ein Glücksfall!

Mein herzlicher Dank gilt Ihnen dafür ganz persönlich, getragen von einem Wunsch. Besuchen Sie unsere Stadt so oft es möglich ist und begleiten Sie das ein oder andere Projekt für unser Theater. Mich würde es sehr freuen.

Toi Toi Toi für Ihre Zukunft und ich kann es seit einem Barfußauftritt von Ihnen im Heizhaus bestätigen, Sie haben keine Entenfüße.

 

Herzliche Grüße

André Neumann

 

 

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