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Regionales

09:32 Uhr | 15.10.2020

Zeitzeugen in Oberzetzscha

Altenburg/Oberzetzscha. Das Renaissance-Herrenhaus in Altenburgs Ortsteil Oberzetzscha war am 11. Oktober 2020 Ausgangspunkt und Veranstaltungsort für einen „Zeitzeugensalon“ – ein Projekt, das im Rahmen von „Der fliegende Salon“ erdacht und umgesetzt wurde.

In dem ehemaligen Rittergut kamen auf gemeinsame Einladung von Ortsteilbürgermeister Stefan Runge und Museum Burg Posterstein Zeitzeugen zusammen, die aus eigener Erfahrung oder den Erlebnissen nahestehender Personen vom Zeitgeschehen des Ortes unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zu erzählen wussten. Für die Regionalgeschichte sind diese persönlichen Erinnerungen von unschätzbarem Wert, da sie in der Regel nirgends nachgeschlagen werden können und nicht ohne Weiteres zu erschließen sind. So fand der Austausch der Zeitzeugen auch im geschlossenen Rahmen ohne fremde Zuhörer statt. Die Beteiligten sollten sich nicht durch Publikumserwartungen gehemmt fühlen. Die erfahrene Erfurter Moderatorin Blanka Weber begleitete als „Salonière“ die mehrstündige Gesprächsrunde.

 

Zur hochbetagten Runde der Zeitzeugen gehörten unter anderem die heute in Berlin lebende 80-jährige Christine Cyrus. Als Tochter der letzten Besitzer des Rittergutes lebte sie bis 1958 im Herrenhaus. Weitere Gesprächspartner waren die ehemalige Ortschronistin Elfriede Külbel, Manfred Tunk, Erhard Grünberg, Magdalena Werner, Brigitte Meuschke, Jürgen Fröhlich sowie die heute 98-jährige Gertrud Dalpra. 

In ihren Erinnerungen kamen zur Sprache, wie das Dorf einst auf die Verhaftung des Vaters von Christine Cyrus reagierte, der nach Denunziation in Buchenwald zum Tode verurteilt wurde, wie die Unterbringung der unzähligen Flüchtlinge aus Schlesien und dem Sudetenland bewerkstelligt wurde und wie die einst hervorragende Infrastruktur von Oberzetzscha mit mehreren Läden und zahlreichen Handwerkern die Versorgung sicherte.

 

Für eine gesprächsanregende Atmosphäre sorgten zusätzlich Musiker des Osterländer Musikbundes. Kathrin Osten (Querflöte) und Olaf Böhme (Fagott) musizierten gemeinsam mit Musikschülern eigens ausgewählte Werke von Günther Witschurke, Erwin Schulhoff und Paul Hindemith. Mit kurzen Erläuterungen zur Entstehungsgeschichte der jeweils um 1945 komponierten Werke, fügten sich die musikalischen Darbietungen sehr bereichernd in das Gesprächsthema ein.

 

Ein erstes Resümee aller Beteiligten lautete, dass diese Form der Gespräche und Wissenssammlung für die Historie eines Ortes wichtig und belebend sind und fortan in Oberzetzscha häufiger stattfinden sollten. Neben bloßen Daten und Ereignissen machen sie die Menschen sichtbar und stiften Identität. 

 

Für Oberzetzscha könnte das Herrenhaus auch künftig den Rahmen für weitere Gesprächsrunden zu anderen Themen der Ortsgeschichte bieten. Noch gilt es ein Nutzungskonzept für das 2001 sanierte Renaissancegebäude zu entwickeln. Der Zeitzeugensalon könnte ein Baustein darin sein. Mit Ortsteilbürgermeister Stefan Runge ist die Gründung eines Fördervereins zum Herrenhaus angeschoben, der künftig vielleicht die Rolle des Gastgebers übernehmen könnte, um die Bürger der Gemeinde in unterschiedlicher Konstellation zu wechselnden Themen zusammenzubringen. 

Das Gespräch vom 11. Oktober wurde mitgeschnitten, um das geteilte Wissen sichern und nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen. Gemeinsam mit einem Historiker vom Museum Burg Posterstein soll eine redaktionell bearbeitete Textfassung entstehen und digital veröffentlicht werden.

 

Im Rahmen von „Der fliegende Salon“ finden dieses Jahr noch zwei weitere Zeitzeugensalons an anderen Orten im Landkreis und zu anderen Themen statt. In Schmölln werden Erinnerungen an das ehemalige Kulturhaus Stadt Schmölln „Esse“ gesammelt, während sich der Heimatverein Göpfersdorf mit der Vergangenheit der Landwirtschaft nach 1945 befassen möchte.

 

 

 

Mit „Der fliegende Salon“ sollen im Landkreis gemeinsam mit Gemeinden und Vereinen Projekte initiiert und umgesetzt werden, die einen Anlass zu Begegnungen und Austausch der Menschen vor Ort bieten. Anleitung und Unterstützung geben die etablierten Kultureinrichtungen (Lindenau-Museum, Musikschule, Museum Burg Posterstein oder Theater Altenburg Gera), die auf diese Weise ebenfalls die Menschen im Altenburger Land und ihre Themen besser kennen lernen wollen. Das Projekt wird gefördert mit Mitteln des Programms TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel, initiiert von der Kulturstiftung des Bundes. 

Aktuelle Informationen im Internet unter www.fliegender-salon.de.

 

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